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Coincidences
Die Werkgruppe "Coincidences" enstand im Rahmen des Diploms an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig in der Klasse für künstlerische Fotografie bei Beate Gütschow.
Portfolio "Coincidences" zum download deutsch (pdf, 5,2 MB)
Porträt (Junger Mann mit Mütze und angenähten Hörnern)
Ein auf dem Flohmarkt gefundenes altes Glasnegativ, welches einen jungen Mann mit Mütze und angenähten Hörnern zeigt, habe ich unter gezielter Lichtsetzung im Studio aufgenommen. Es liegt auf einem Leuchttisch, aber auch auf einer schwarzen Hintergrundpappe, welche auf Größe des Glasnegativs zurechtgeschnitten ist. Dadurch offenbart es seinen Bildinhalt nicht in negativer Form (wenn man es durchleuchten würde), sondern ganz leicht durch Reflektion des Lichtes als positives Bild.
Ich fragte mich, was in dieser Fotografie sichtbar und was unsichtbar wird: Es ist zum einen das Porträt eines jungen Mannes und zum anderen ein altes Glasnegativ. In meinem Bild treten beide als zwei voneinander getrennte Realitäten auf. Sie repräsentieren jeweils ihren eigenen fotografischen Signifikanten: ein Mensch und ein Stück Glas mit fotochemischer Emulsion. Zum einen wird hier etwas sichtbar, was in der Fotografie normalerweise unsichtbar bzw. zurückgedrängt wird: der Bildträger. Und zum anderen wird etwas fast unsichtbar, was sich normalerweise in den Vordergrund drängt: die Bildinformation.
Jahr: 2009
Bildgröße ungerahmt: 110 x 143 cm
Material: analoger C-Print
Präsentation: Holzrahmen lackiert ohne Glas
Das Münchner Daguerre-Triptychon
Eine Ikone der Fotogeschichte – Das Münchner Daguerre-Triptychon mit der Ansicht des Boulevard du temple in Paris, aufgenommen von Louis Jaques Mandé Daguerre im Jahr 1839 – wurde durch Auslagerung während des Zweiten Weltkrieges Umwelteinflüssen ausgesetzt, denen diese noch sehr empfindlichen Platten nicht ausreichend Stand halten konnten. Daraufhin versuchte man zwischen 1972 und 1974 eine Restaurierung durchzuführen, die jedoch erfolglos blieb bzw. fehlschlug.
Meine Fotografien der drei Daguerreotypien zeigen diese im heutigen Zustand. Wolken von Bläschen, Pfützen von Flüssigkeiten und blitzende Kratzer durchziehen die Bilder. Aber auch hier bemerkt man beim genaueren Hinschauen konkrete Hinweise auf eine realistische Abbildung: Fenster und Giebeldach eines Hauses, Baum- und Schornsteinreihen.
Nun stellte ich mir folgende Frage: Kann man – auch wenn die Bilder von Daguerre nicht mehr sichtbar sind – trotzdem von Fotografien oder besser von Bildern auf der Oberfläche der Metallplatten sprechen?
Meine Antwort war ja – allerdings nur durch Aneignung und Transformation. Dadurch sind sie zwar keine Bilder mehr von etwas, aber doch Bilder an sich. Die fotografischen Ruinen von Daguerre werden in der Transformation, die die Bilder zum einen durch die Restauratoren und zum anderen durch meine Aufnahmen erfahren haben, mit den Spuren der chemischen und mechanischen Eingriffe kompensiert.
Jahr: 2010
Bildgröße gerahmt: 70 x 90 cm
Material: analoge C-Prints
Präsentation: Holzrahmen ohne Glas
Emulsion 1 (Alpen) / Emulsion 2 (Spitzbergen)
Die Bilder Emulsion 1 (Alpen) und Emulsion 2 (Spitzbergen) zeigen die Oberfläche der fotochemischen Emulsion von zwei weiteren in privaten und öffentlichen Archiven gefundenen Glasnegativen. Diese tragen als Motive zwei schwarz-weiße Landschaftsaufnahmen in sich (welche auch noch sichtbar sind, wenn man die Negative auf dem Leuchttisch betrachtet).
Vom Grundmaterial her ähnlich wie bei dem Porträt des jungen Mannes (es sind auch Glasnegative) offenbaren die Emulsionen aber nur sehr wenige Informationen der aufgenommenen Landschaften (wenn man sie nicht auf dem Leuchttisch betrachtet). Material und Motiv verschmelzen hier wie bei den Daguerreotypien zu einem neuen Bild – die abgebildete Realität verbindet sich mit der Abstraktion von chemischen und physischen Spuren.
Das fotografische Bild wird zu einem hintergründigen Rauschen – als würden zerpflückte Erinnerungen oder Bruchstücke des Gedächtnisses hervortreten. Dagegen wird die Materialität des Bildträgers real und konkret. Wischspuren werden zu Nebelschwaden, kristalline Ablagerungen zu Eisblumen oder Verfärbungen zu Wasser. Das Material schlägt sich wie Naturerscheinungen in den Bilder wieder.
Jahr: 2011
Bildgröße ungerahmt:
Emulsion 1 (Alpen) 143 x 192 cm
Emulsion 2 (Spitzbergen) 112 x 88 cm
Material: analoger C-Print
Präsentation: Holzrahmen ohne Glas
The Strindberg gold sample
In der Beschäftigung mit der Abbildhaftigkeit des fotografischen Materials kam ich zu den Experimenten von August Strindberg. Ein Hinweis auf seine Goldexperimente und das Zitat folgender Notiz „Gold ist Sonnenlicht / fotografiert / und / fixiert.“ ließen mich nicht mehr los. Wie kam August Strindberg auf die Analogie seines Experimentes mit der Fotografie? Was glaubte er, auf seinen glänzenden Papierproben zu sehen? Künstlich gewonnes Gold oder fotografiertes Sonnenlicht?
Da hier schon die Behauptung des Sehens von Sonnenlicht formuliert wurde, war mir klar, dass ich das Goldblatt und die dahinter stehende Idee nur dokumentieren möchte. Ich ließ eines seiner Goldblätter in der Königlichen Bibliothek in Stockholm fotografieren.
Begleitet von einem Text zeige ich die Aufnahme, welche ich angefordert hatte, im Maßstab 1:1. Lineal und Grau- sowie Farbskala geben Hinweis auf die Reprofotografie – also dem Verfahren zur Reproduktion von Bildern. Dies verstärkt die von Strindberg formulierte Ambivalenz des Objektes.
Arbeit bestehend aus einem Bild und Text
Jahr: 2011
Bildgröße ungerahmt: jeweils 24 x 36 cm
Material: digitale C-Prints
Präsentation: Objektrahmen mit Glas
The Wedgwood leaf dish
Das Verfahren zur Herstellung von Fotogrammen basiert auf dem Gedanken, dass das direkte Zusammentreffen des lichtempfindlichen Materials mit der äußeren Welt allein ausreiche, um ein Abbild dessen zu schaffen.
Als ich nach einem Fotogramm eines Blattes, welches dem Chemiker und Fotopionier Thomas Wedgwood zugeordnet wird, recherchierte, stieß ich zufällig auf ein Objekt, dass aus dem – nicht direkten – aber familären Nachlass von ihm stammt. Es ist zwar kein Fotogramm eines Blattes, sondern eine grüne Porzellanschale, aber es trägt etwas Fotogramm-ähnliches von einem Blatt auf seiner Oberfläche.
Hier behauptet natürlich niemand, ein fotografiertes Bild vor sich zu haben. Warum eigentlich nicht? Vergleicht man es mit Strindbergs Goldblatt so ist der Sachverhalt genau umgekehrt: Strindbergs Blatt könnte man aufgrund der verwendeten Chemikalien als fotografischen Bildträger bezeichnen, die Bildhaftigkeit läßt daran aber zweifeln. Die Porzellanschale wiederum trägt zwar eine konkrete Abbildung auf ihrer Oberfläche, ist aber kein fotografischer Bildträger. Beide Objekte – die grüne Porzellanschale der Firma Wedgwood und das Goldblatt von Strindberg – können also nicht als Fotografien bezeichnet werden, werfen aber wieder die Frage auf: Was sieht man hier?
Arbeit bestehend aus einem Bild und Text
Jahr: 2011
Bildgröße ungerahmt: Bild: 36 x 42 cm /
Text: 24 x 36 cm
Material: digitale C-Prints
Präsentation: Objektrahmen mit Glas